Letzthin hat mir einer offenbart, er begutachte, bevor er sich auf eine Frau einlasse, zuerst deren Mutter. Ein weiser Mann - ich glaube, es war sein Vater - habe ihm nämlich geraten, zuerst ein Auge auf die Mutter der Herzdame zu werfen, um zu sehen, was aus der Herzdame selbst werden wird in 30 Jahren. Ansonsten würde er ja die Katze im Sack kaufen.
Meine Mutter wird somit mit prüfenden Augen von künftigen Eventuell-Schwiegersöhnen begutachtet, damit ich in die berühmte Liga der Frauen-mit-Freund aufsteigen darf, gesetztenfalls ich würde denn auch wollen. Und - im Gegensatz zu anderen Müttern - kann sich mein Mami sehen lassen, wenn man es denn überhaupt sieht. Sie ist nämlich sehr klein. So klein, dass es immer etwas seltsam anmutet, wenn sie mit mir und meiner noch grösseren Schwester die Strassen entlang spaziert. (Wir nicken dann immer in die Richtung der gaffenden Passanten und sagen: "Der Vater. Gross.") Ich weiss, dass meine Mutter noch kleiner werden wird im Alter und versuche mich jetzt schon an den Gedanken zu gewöhnen, sie irgendwann auf meiner offenen Handfläche zu halten, um mit ihr von Angesicht zu Angesicht zu reden. Weil meine Mutter sich aber trotz oder gerade wegen ihrer Munzigkeit nicht verstecken muss, ist noch nie einer mit erschrockenem Gesicht aus einer Liaison ausgetreten, weil sie - also ich in 30 Jahren - nicht seinen Vorstellungen entspricht.
Das ich noch andere Gene von ihr habe, versuche ich in den Anfangsphasen sowieso immer zu vertuschen. So beisse ich mir auf die Zunge, bevor Sätze wie "Bhüet mi Gott de Hüehnervogel" aus meinem Mund entweichen. Und statt zu "tschüderlen" tue ich in den ersten Wochen einer neuen Beziehung auch frieren - wie es sich gehört. Aber irgendwann sprudelt das ganze Chasperli-Theater aus meinem Mund, was sofortiges Wieder-Single-Sein zur Folge hat, was wiederum dahin führt, dass ich meine Mutter erneut einem Mann vorstellen muss. Und so geht das weiter und weiter bis der Mist dann endlich gegarettlet ist.